Erschienen im Entlebucher Anzeiger am 28.12.1999

Entlebucher Brass Ensemble: Weihnachtskonzert in Wiggen

EBE servierte ein musikalisches Festtagsmenu

Am Weihnachtstag lud das Entlebucher Brass Ensemble (EBE) zu seinem Festtagskonzert in die katholische Pfarrkirche Wiggen ein. Auf der akustischen Speisekarte standen vor allem Werke aus dem Barock. Im Verlauf des abends traten Gregor Kreyenbühl (Posaune) und Dieter Koch (Flügelhorn) aus den Reihen des Corps als Solisten auf.

Es muss keineswegs ein Widerspruch sein, wenn alte Meister von jungen Talenten aufgeführt werden. Diese Ausgangslage ist vielmehr interessant, besonders wenn die ursprünglich für imposante Orchester oder Chöre komponierten Stücke in neuer Form(ation) durch eine Handvoll MusikerInnen wieder erklingen.
Bei der Eröffnung wollte das EBE unter der gekonnten Führung von Rolf Minder an diesem  aussergewöhnlichen tage nicht s anbrennen lassen: Gleich mit zwei Märschen auf einmal begrüssten sie das Publikum. "The King's March & Prince Eugene's March" (Jeremiah Clarke) war von Arrangeur Eric Crees zu einem Werk verschmolzen worden. Solo- und Tuttiparte standen ebenso im Wechsel wie die beiden Themen.

Festlicher Barock
Auch die "Sinfonie Nr. 4" (William Boyce) schloss geschichtlich an den Auftakt an. Der beschwingte, pointierte Charakter passte vorzüglich zum kirchlichen Fest. Virtuose Melodien wandelten n dieser Komposition leicht von Register zu Register und schliesslich in die Zuhörerschar.
Nachdem Jürg Bieri kurz zum Mikrofon gegriffen hatte, um einige Dankesworte zu überbringen, glänzte Solist Gregor Kreyenbühl mit sanftem Ton in "Panis Angelicus" (César Franck). Der frisch gebackene Militärtrompeter sang die schwermütige Melodie, welche eigentlich für eine Singstimme geschrieben worden war, mit seinem Instrument förmlich. Die Begleitung zeigte sich gekonnt zurückhaltend und kontrolliert.
Anschliessend wagte sich das Brass Ensemble an einen bedeutsamen Namen; der zweite Satz des "Concerto Grosso" (Georg Friedrich Händel) war angesagt. Die virtuosen Violinläufe übernahmen im Arragement von Christopher Mowat die Cornets. Die verschiedenen rasenden Motive wurden wuchtig unterlegt vom Bassregister. Das raumfüllende Volumen der Formation machte vergessen, dass kein Sinfonieorchester, sondern "lediglich" ein Dutzend BlechbläserInnen am Werk war.
Wie dem fachmännisch verfassten Programmblatt zu entnehmen war, war die Spezialität des nächsten Komponisten, Giovanni Gabrieli, der Einsatz von verschiedenen Instrumentengruppen. Um dieser Eigenschaft auch optisch Rechnung zu tragen, vollzog das EBE auf der Bühne eine kleine Rochade. Dynamisch ausgearbeitet und zuerst nach-, dann miteinander musizierten die beiden Blöcke. Das Stück war nicht nur wegen seines Namens "In Ecclesiis" (lat.: in den Kirchen), sondern auch angesichts der andächtigen Prägung passend.

Die Fülle des 19. Jahrhunderts
Einen zeitlichen Schritt nach vorne stellte die zweite Konzerthälfte das, indem ausschliesslich Tonschöpfer des letzten Jahrhunderts au dem Programm standen. Trotz katholischer Kulisse ging es im "Finale aus Faust" (Charles Gounod) dramatisch, wild und fast etwas diabolisch zu und her. Wie auch im literarischen Text musste Faust im Kampf Gut gegen böse mit dem teuflischen Mephistopheles ringen.
Dieter Koch besänftigte die Stimmung anschliessen mit verträumten Melodien aus "In mir klingt ein Lied" (Frédéric Chopin). Einmal mehr lag die Herausforderung nicht in der Technik, sondern im sanften Zusammenspiel. Meisterlich gelang dies gemeinsam mit dem Es-Cornet, aber auch den tieferen Registern, die an warme Celli oder Bassgeigen erinnerten. Die Ensemble-Version war im Übrigen speziell für das EBE gefertigt worden: Sichtlich stolz begrüsste Rolf Minder Arrangeur Alex Gray alias Hans Lenzing im Publikum.
Buchstäblich romantisch blieb es mit der "Romance Op. 5" (Peter I. Tschaikovsky). Die gefühlvollen, unbesorgten Motive machten kurz fürstlichen Fanfaren Platz, bevor wieder die anfängliche Ruhe einkehrte. Einzelne Musikanten konnten im Arrangement von James Corley an kunstfertigen Solostellen ihre Begabung unter Beweis stellen.
Die harmonischen Klänge von "Christus factus est" (Anton Bruckner) - kräftig und sanftmütig zugleich - schienen die göttliche Macht auszudrücken. Die Melodien erinnerten an einen ehrfürchtigen Lobgesang.
Zum Abschluss brachte das EBE südländisches Feuer in unsere stürmischen Wintertage. Die Sätze 1, 3 und 5 der "Carmen-Suite" (Georges Bizet) boten Abwechslung und spanisches Temperament. Mit begeistertem Applaus erklatschte sich die Zuhörerschaft noch zwei Zugaben: Mit der anmutigen Ballade "Der einsame Hirte" (James Last) und einer angereicherten Bearbeitung von "Stille Nacht" (Franz Gruber) verabschiedeten sich die jungen Musikanten.

Hoch stehende Unterhaltung
Eine Kunst des Musizieren lautet, anspruchsvolle Stücke zum besten zu geben, ohne dass sich das Publikum der Anforderung bewusst wird. Nach diesem Motto erschien das Weihnachtskonzert des Entlebucher Brass Ensemble. Der Kirchenraum macht jede Darbietung durchsichtig bzw. durchhörig, wobei schon kleine Ungereimtheiten gnadenlos bloss gestellt werden. Mit Disziplin und Können meisterte das Ensemble auch heikle Passagen und überzeugte zudem durch eine grosse dynamische Breite.
Morgen Mittwoch, 29. Dezember, um 20 Uhr wird das Konzert wiederholt, diesmal allerdings in der Pfarrkirche Flühli.

[Text: Markus Felder]